Monat: November 2014

Die „intolerante“ Kampagne der ARD zur Toleranz-Themenwoche

Vom 15.-21.11.2014 gibt es in der ARD wieder die Themenwoche zur Toleranz – dieses Mal mit einer Plakatkampagne, bei der sich die Gemüter scheiden. Auffällig ist hier besonders die negative Kritik zur Kampagne. Warum aber empfinden viele diese als schlichtweg schlecht?

Ein kleiner Versuch, sich dem Thema zu nähern.

Insgesamt besteht die Kampagne aus vier Bildern. Thematisiert wird einmal ein afrikanischer Flüchtling, ein schreiendes Kind, ein Mann im Rollstuhl und ein homosexuelles Paar mit einer kurzen prägnanten Frage, die inhaltlich so viel wie „normal oder nicht normal“ bedeutet.

Betrachten wir einmal das Bild mit dem Flüchtling näher. Dieses trägt die Überschrift: „Belastung oder Bereicherung?“. Keine nette Frage, richtig, zumal es hier um ein menschliches Wesen geht. Eben darum empfinden viele diese Frage als nicht zeitgemäß. In sozialen Netzwerken überschlagen sich die Kritiker mit Argumenten, was dieses Bild denn so schlecht mache. Zusammengefasst passt es einfach nicht in das Jahr 2014. Heute noch so eine Frage einzubringen, zeuge von Intoleranz. So hat Grünen Politiker Volker Beck in einem offenen Brief die ARD harsch kritisiert. 

http://www.berliner-zeitung.de/blob/view/29027652,30215606,data,141112_Offener+Brief+ARD+Themenwoche+%25282%2529.pdf.pdf

Theoretisch ist es richtig. Dass so eine Frage überhaupt noch gestellt werden muss, ist zutiefst beschämend. Praktisch allerdings haben die Macher ihre Hausaufgaben gemacht und anscheinend fleißig Kommentare unter Zeitungsbeiträgen, bei Facebook usw. gelesen. Ich bin selber Kind einer Gastarbeiterfamilie und kann mich an keinen Zeitpunkt erinnern, wo diese Frage zeitgemäßer gewesen wäre. Ich bin hier geboren, aufgewachsen, zur Schule gegangen, habe hier studiert…sehr wohl: ich bin irgendwie Deutschland; aber halt nur irgendwie. Seit dem Sommer diesen Jahres bereitet mir aber nichts mehr Bauchschmerzen, als Kommentare zu lesen. Immer mehr wird darüber diskutiert, ob und inwieweit Menschen wie ich zu Deutschland dazu gehören könnten. Da schießt einem nur eine Frage in den Kopf: Geht’s noch?! Natürlich haben die IS-Kämpfer in den letzten Monaten nicht gerade eine positive Imagekampagne für den Islam vollzogen. Aber auch für mich sind diese keine Menschen, mit denen ich gerne zum Picknick gehen wollen würde. Doch darf dies zum Anlass genutzt werden, über das Existenzrecht von Menschen zu debattieren, die das Leben in ihrer sogenannten „Heimat“ gar nicht kennen? Muss oder soll ich mich, als lieberale Muslima, tatsächlich zu den IS-Kämpfern äußern? Insbesondere angesichts der Tatsache, dass gerade Menschen, wie ich einer bin, ihnen eher ein Dorn im Auge sind als jeder konventionelle Deutscher? Die Antwort zu all diesen Fragen ist schlicht und einfach „nein“. Ich erwarte schließlich auch kein Statement eines jeden Deutschen zu den NSU-Morden. Mir ist durchaus bewusst, dass nicht jeder Deutsche hinter diesen Morden steht, geschweige denn diese Ideologie teilt. Schön wäre eine ähnlich reflektierte Wahrnehmung der IS-Kämpfer. Wegen knapp 10000 Männern gibt es zahlreiche Diskussionen darüber, ob und inwieweit der Islam gehört, wie unsere Verantwortung zu dem Thema auszuschauen hat und wie gefährlich wir sind. Dass aber unter den Opfern größtenteils ebenfalls Muslime sind, wird schlichtweg weggelassen und ignoriert. Im Rahmen der Toleranz-Woche fände ich es nett, wenn mal eine Sendung stattfinden würde, bei der liberale Muslime zu Wort gebracht würden und nicht Imame, die anscheinend in einem Paralleluniversum leben und noch mehr Öl ins Feuer gießen. Eine Sendung, bei der vielleicht mal die unterschiedlichen Formen des Islam nahe gebracht werden – denn da sind sich alle abrahamitischen Religionen ähnlich. Im Deutschen Reich waren auch Katholiken unerwünscht und wer Teil der Gesellschaft sein wollte, musste evangelisch sein.

Ich würde an dem Bild nur eine Sache kritisieren: Wieso wurde kein syrischer Flüchtling abgebildet, – denn schließlich wird aktuell über keine andere Flüchtlingsgruppe so stark diskutiert wie über diese – Nur ist das Boot ja voll und Deutschland kann sich keine Flüchtlinge mehr leisten. Welches Land sich sonst Flüchtlinge leisten könnte, wenn eines der reichsten Länder kein Geld mehr dafür über hat, frage ich gar nicht erst. Das Bild ist traurig und schockierend zugleich. Allerdings ist es gleichzeitig sehr zeitgemäß. In vielen Teilen der Gesellschaft sind Flüchtlinge aktuell unerwünscht. Viele sehen diese Menschen als Ballast an. Sie sind der Meinung, dass all diese Menschen die Strapazen auf sich nehmen, um sich von unseren Geldern zu bereichern. Dass diese Menschen ein eigenes Standbein in ihrer Heimat hatten und so eine Flucht Überwindung und Geld kostet, ist vielen ziemlich egal. Zum Nachdenken verweise ich hier mal auf ein Video von „Armes Deutschland – Rayk Anders“, in dem der Berliner Spielplatz gezeigt wird, auf dem Füchtlingskinder unerwünscht sind. Vielleicht überdenken dann einige ihre Kritik dem Bild gegenüber.

https://www.youtube.com/watch?v=Qf2mN2gveCs

Als nächstes schauen wir uns mal das Bild mit dem Homosexuellen Paar an. Hierzu wird tatsächlich die Frage „Normal oder Nicht Normal?“ gestellt. Ein homosexuelles Paar im Jahre 2014 in Frage zu stellen, ist schon sehr kontrovers. Aber es geht hier um das, was in den Köpfen Vieler los ist. Und so lange in der Politik noch immer über die Gleichstellung von homosexuellen Paaren diskutiert werden muss, homosexuelle Paare Einschränkungen beim Adoptionsrecht haben, in einigen Ländern gar die Todesstrafe droht, ist auch diese Frage sehr zeitgemäß. Noch immer traut sich im beliebtesten Sport kein Spieler zu seiner Sexualität zu stehen. 2014 ist nicht nur das Jahr des 4. Sterns, sondern auch das Jahr, in dem Marcus Wiebusch, mit einem Kurzfilm, eine Offensive gegen Homophobie im Fußball startet. Und schaut man sich die Reaktionen zum Video genauer an (schon sehr viel positive Resonanz), scheint auch diese Frage durchaus angebracht. Zu den anderen zwei Bildern spare ich mein Statement. Ganz einfach, selbes Spiel wie bei diesen Beispielen.

https://www.youtube.com/watch?v=-qOg8E4Tzto&spfreload=1

Eines ist mir abschließend aber sehr wichtig. Und zwar, dass Toleranz und Intoleranz letztlich in unseren Köpfen beginnt. Ich frage mich eigentlich nie, ob ich akzeptiert werde oder dazu gehöre, ich lebe einfach mein Leben weiter. Nur wenn ich mir näher Gedanken zur Toleranz mache, dann erst machen sich Intoleranz und Ablehnung bemerkbar. Ich persönlich habe nie mit so einer Situation kämpfen müssen. Irgendwie scheine ich für viele „assimiliert“ und genau das wird gelobt. Wo ich dann entgegne, dass Assimilation auch nicht der richtige Weg ist. Wir Menschen sind für die Grenzen, in unseren Köpfen, verantwortlich. Wir sind dafür verantwortlich, inwieweit sich andere Menschen uns nähern oder distanzieren.

Die ARD hat eine wichtige Rolle in der Medienlandschaft und gerade ihre Außenreklame fällt stark auf – aber ich sehe keinen Anlass für einen Shitstorm. Vielmehr verneige ich mich vor den Machern dafür, dass sie die Diskussion über diese Themen angetrieben haben. Ich bin mir sicher, dass der Aufschrei bei einem Sender wie RTL ein ganz anderer wäre und bei Arte wären diese Bilder womöglich sehr passend. Bei vielen werde ich das Gefühl nicht los, dass sie einfach mitdiskutieren, um überhaupt diskutieren zu können – aber eine schlechte Kampagne sieht wirklich anders aus. Es wäre wirklich wünschenswert, dass diese Fragen zu alt für das Jahr 2014 sind. Nur solange wir die Grenzen in unserem Kopf nicht lockern oder gar ganz weglassen, werden diese Fragen sogar 2064 noch angebracht und richtig sein.  

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