Monat: April 2016

Eine Liebeserklärung an Werder und vor allem seine Fans

Werder-Fans kennen das: Seit Jahren sagt man sich zu Beginn einer neuen Saison, dass diese anders verlaufen wird. Tatsächlich gibt es dann auch kleine Hochs, die diese Gedanken gar nicht so unrealistisch erscheinen lassen. Von diesem Hoch ist Werder in ein ziemliches abgestürzt. Viele Fans haben die Nase gestrichen voll. Sie fordern den Vorstand auf endlich zu handeln und wünschen sich eine rasche Entscheidung bezüglich Skripnik. Die Rufe nach seiner Entlassung wurden nach dem Augsburg-Spiel besonders laut. Es wurde sogar laut im Stadion gepfiffen, was fürs Weserstadion eher selten ist. Und ich bin froh, dass ich nicht im Stadion gewesen bin. Weniger wegen dem Ergebnis als dem Pfeifkonzert. Denn mich stimmt so ein Pfeifkonzert ziemlich traurig. Die Jungs dort unten wissen ganz genau, dass sie keine Glanzleistung dargeboten haben. Da braucht man nicht noch auf jemanden eintreten, der auf dem Boden liegt.

Ähnlich sieht es auch Werder. Thomas Eichin hat betont, dass man diese Saison noch mit Skripnik zu Ende bringen würde. Wo sich viele darüber aufgeregt haben, habe ich mich über diesen Entschluss gefreut. Denn unbedachte und rasche Trainerwechsel sind halt nicht der Stil von Werder Bremen.

Ich stehe nicht alleine mit der Meinung. Steffen Scholz und Johanna Göddecke, vom Twerder-Fanclub haben eine neue Werder-Bewegung ins Leben gerufen, die an „AllezGrün“ vor drei Jahren erinnert. #Greenwhitewonderwall lautet der Hashtag und dieser hat es diese Woche sogar in die deutschlandweiten Trends geschafft. Ein Hashtag, der nicht nur an eines der größten Britpop-Hits der 90er erinnert, sondern zugleich daran, was die Fans einer jeden Mannschaft für sie sein sollten: Eine starke Wand, die ihnen Standkraft und Stärke verleiht und selbst beim stärksten Orkan nicht nachgibt. Mit einem riesengroßen Banner wird am Samstag das Team am Weserstadion empfangen. 618 Zusagen hat diese Veranstaltung bis zu dieser Stunde auf Facebook.

https://www.facebook.com/events/1748549105358616/

Der Fanclub macht eine wunderbare Arbeit und macht nochmal deutlich, was Fankultur bedeutet. Fan sein bedeutet eben, dass man auch durch schlechte Zeiten miteinander geht. Schließlich ist Fan sein an guten Tagen eine ziemlich einfache Sache. Selbst prominenten Support gibt es inzwischen. Seien es Jan Delay, Werder Bremen  oder aktive und inaktive Werder-Spieler: Sie alle haben unter diesem Hashtag getwittert.

Und genau das ist der Grund, weswegen ich Werder-Fan bin. Zugegeben würden mich auch Erfolge freuen (ALLE DAUMEN DRÜCKEN AM DIENSTAG!), allerdings sind es gerade die schlechten Zeiten, die viel über den Charakter eines jeden aussagen. Es heißt ja nicht ohne Grund, dass man wahre Freunde an schlechten Tagen erkennt. Und diese Aktion zeigt, was für geile Fans Werder doch hat. Wenn nicht sogar die GEILSTEN. Keine leeren Ränge (das „AllezGrün“-Match war das Einzige, für welches ich vor drei Jahren keine Karte bekommen hatte), vollste Unterstützung und ein Pfeifkonzert, den ich nun als kleinen Ausrutscher bewerte.

Selbst wenn der Fall eintreten und Werder tatsächlich in Liga 2 abstürzen sollte, bin ich noch immer guter Dinge. Denn ich bin mir sicher, dass Werder und seine Fans es dann allen zeigen werden und mit einem Atemzug durchmarschieren werden. Mit einer Grün-Weißen Wonderwall ist einfach alles möglich.

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Darum danke an Werder und TWerder, dass ich Teil der geilsten Community Deutschlands sein darf.

 

 

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Worüber wir in der Causa Böhmermann noch diskutieren sollten

In der Causa Böhmermann haben wir nun alle mehr als genug darüber diskutiert, was Satire darf und wo genau ihre Grenzen liegen. Dabei sind wir alle nun ein wenig schlauer und wissen: Schmähkritik wird auch in Deutschland nicht gerne gesehen und wird scharf kritisiert. Ein juristisches Vorgehen ist sogar möglich. Das so genannte „Schmähgedicht“ war der Versuch uns diese Grenzen aufzuzeigen. Wir debattieren gerne über Künstler- und
Meinungsfreiheit und nun haben wir die Bestätigung: Nicht alles wird unter diesem Deckmantel geschützt.

Worüber wir nun aber ernsthaft reden sollten: wie behandelt
man einen aktuellen Diskurs und was bringe ich ein und was lasse ich besser
sein?

Heute früh glühte die Social Media-Welt. Kai Diekmann hat allen Ernstes Jan Böhmermann interviewt. Das erste Lebenszeichen seit nun einer Woche. Und dieses ausgerechnet dem Journalisten gegenüber, den er mindestens genauso lieb haben dürfte wie den Politiker, der einen Strafantrag gegen ihn gestellt hat. Kann das echt sein? Natürlich nicht!

Das schlecht geshoppte Bild, die wirren Phrasen und das Kleinbeigeben vom Böhmermann, hat diese Sache binnen einer Minute als Fake für mich entlarvt. Und selbstverständlich auch die Art und Weise, wie es publiziert wurde. Ein Exklusiv-Interview als Facebook-Post und somit auf Clicks verzichten? Na gut, immer mehr Personen können dank Adblocker nicht auf BILD.de zugreifen.

Kai Diekmann probiert witzig zu sein und versucht sich in Satire. Nur das Pseudo-Schmähgedicht von einem Fake-Erdogan, vollgepackt mit Drohungen, war eine miesere und taktlosere Reaktion.

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Spätestens jetzt ist bekannt, dass der blasse Junge sich dieses Mal verscherzt hat und in einer Situation gefangen ist, die sogar für ihn unberechenbar ist. Selbst von Polizeischutz ist die Rede. Dann empfindet der BILD-Chef es als richtig und witzig ihm irgendwelche Worte in den Mund zu legen und ein komplettes Interview zu fälschen? Sicher war dies der Versuch, einen Varoufake zu inszenieren, einen Böhmerfake eben. Allerdings fehlte die Liebe zum Detail.

Ja, wir Türken sind temperamentvoller  

Was mir aber als Türkin besonders aufstößt und wofür ich mich stellvertretend entschuldigen möchte: die türkische Diskussionskultur, die heute an den Tag gelegt wird.

Auch ich habe mit vielen darüber diskutiert, da ich dieses Schmähgedicht als Kunstprojekt betrachte und habe eine Menge Kritik geerntet. Aber persönlich nehmen? Niemals.

Viele meiner Landsleute denken hierbei aber anders. Einige sehen das Gedicht als rassistisch an. Das würde ich nur mit meinem Vornamen unterzeichnen. Zugegeben es werden eine Menge Plattitüden und Klischees gegen Türken aufgegriffen, die auch irgendwelche NPD-Politiker von sich geben würden. Da der Empfänger aber Erdogan himself war und dieses Gedicht von Böhmermann und nicht etwa Lutz Bachmann ist, sehe ich das nicht zu streng. Darum unterschreibe ich es auch nicht, dass manch einer der Auffassung ist, dass mit diesem Gedicht ALLE Türken beleidigt wurden. Erfolgreiche Beleidigungen funktionieren subtil. Und dieses Gedicht ist halt sehr subtil. Wenn ich beispielsweise EINEN Polen auf übelste Weise wegdissen würde, würde ich diesen nicht als Ziegenficker bezeichnen, sondern von meinem Auto erzählen, der bis zu seinem Erscheinen noch auf dem Parkplatz stand. Und genauso ähnlich funktioniert das “Schmähgedicht”. Man muss es nicht gut finden. Wie bereits oben beschrieben, sollte Grenzen aufgezeigt werden. Und ich bleibe dabei: Böhmi könnte einige erfolgreiche Disstracks schreiben.

Den Vorwurf der Islamophobie indes verstehe ich absolut gar nicht. Selbst wenn ich Erdogan heroisieren würde, wird in diesem Text nicht der Islam beleidigt, nur weil Erdogan beleidigt wird. Weird as fuck.

Das ist aber nicht das, wofür ich mich entschuldigen möchte. Sondern geht es mir um dieses Ausfallende. Erdogan ist der Beleidigte und dieser hat einen Strafantrag gestellt. Punkt. Uns bleibt nun darüber zu diskutieren, wie kacke oder geil wir das finden. Ein “Schmähgedicht” für Böhmi schreiben? Warum nicht?!


Aber auch bei Beleidigungen gibt es ethische Grenzen, die nicht überschritten gehören.

Es ist keine Beleidigung mehr, wenn ich einem Menschen damit drohe, ihm die Haut abzuziehen oder dieser sich vor einem Zyankali-Döner hüten möchte. Morddrohungen sind alles andere als akzeptabel. Wenn ein Journalist in Deutschland Personenschutz braucht, weil er Erdogan beleidigt hat, wo kommen wir da hin? Er ist vielleicht in eurer Welt heilig und in einigen Teilen der Türkei, aber wir leben hier in Deutschland. Und hier gilt verdammt nochmal das deutsche Gesetz! Äußert euch konstruktiv, argumentiert. Tut aber bitte all dies ohne die Person in Bange ums Überleben zu bringen und/oder die Familie mit einzubeziehen. Denn das ist nicht witzig und hat auch nichts mit Meinungsfreiheit und Satire gemein.

Ihr regt euch über Rassisten und Pegioten auf, seid aber selber keinen Deut besser. Findet bitte mal zur Besinnung und lasst gut sein. Der Staatsanwalt hat sich der Sache nun angenommen.

Und sollte dieser zum Entschluss kommen, dass dieser komplette Fall eine Farce ist, bitte nicht ausrasten, dem blassen Jungen noch mehr Drohungen zukommen lassen, Fahnen anzünden und und und. Weint in euer Kissen oder schafft euch einen Punching-Ball an.

Aber bitte hört auf, in meinem Namen zu sprechen – Auch in der türkischen Community gibt es mehr als eine Meinung.

Hört auf mit solch peinlichen Aktionen – So erntet man keinen Respekt. Denn jeder weiß: Wer laut ist, muss nicht im Recht sein.

Und vor allem hört auf, die Meinungsfreiheit mit euren Füßen zu treten – Auch ihr dürft euch zu allem kritisch äußern, solange es keine Hetze ist.

Nun alle wieder ganz friedlich und lieb zueinander bitte.